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Sozialismus auf argentinisch – oder warum es in Argentinien keine Apple – Produkte gibt und Porsche Wein exportiert

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Dezember 3, 2015 by Gretchen

Was wusste ich über die argentinische Wirtschaft, bis ich hier ankam? Dass es der Hoffnungsträger Südamerikas war, dann insolvent war und es nun, nach ein paar Jahren wieder ist. Ansonsten nix, das wurde mir aber erst hier bewusst. Denn anscheinend existiert hier so eine Art Pseudosozialismus. Wie das aussieht? Hier ein Paar Punkte.

Ich hatte in meinem vorherigen Beitrag ja schon angedeutet, dass uns die Einreisebedingungen hier etwas merkwürdig vorkamen – man soll angeben, was man für ein Handy besitzt und muss auf alles über 300 Dollar 50 Prozent Zollgebühr zahlen?! Das liegt daran, dass Argentinien strenge Im- und Export-Restriktionen hat. Es wird keinem leicht gemacht, etwas ins Land zu bringen. Das gilt nicht nur für ausländische Privatpersonen, aber vor allem für Argentinier und ausländische Unternehmen. Die Idee ist die, dass so viel wie möglich – am liebsten alles – im Land produziert wird. Weil ‚Made in Argentina‘ einfach schöner ist, und damit keine Devisen aus dem Land abfließen. Zum einen führt das dazu, dass es bestimmte Sachen nicht gibt – wie z. B. Apple – Produkte. Apple hat keine Lust in Argentinien, nur für den argentinischen Markt, zu produzieren, also lassen sie es ganz. Natürlich haben Argentinier auch Lust aufs neue iPhone – daher die Fragen bei der Einreise und die hohen Zölle – man bringt wohl gern vom Urlaub das eine oder andere mit nach Hause. Zum Anderen führt es dazu, das bestimmte Produkte merkwürdig teuer sind. Toilettenpapier fällt mir da ein. Für vier Rollen zweilagiges Toilettenpapier, bezahlt man mindestens 20 Pesos (das „besser“ kostet über 30). Wie viel das ist, hängt vom Wechselkurs ab (dazu unten mehr), aber um es nicht so spannend zu machen, das wären offiziell so 2 Euro. Also ich bekomme für das gleiche Geld in Deutschland das doppelte – an Rollen und Lagen. Woran es nun konkret beim Toilettenpapier liegt, weiß ich nicht, aber grundsätzlich weiß jeder, der BWL studiert hat, dass die Produktionskosten für bestimmte Waren sinken, je mehr man davon herstellt. Da kann es schon einen Unterschied machen, ob man für 40 Millionen Ärsche 🙂 produziert oder für die doppelte Anzahl. (Milka ist hier der heiße Scheiß im Schokoladenregal, aber absurd teuer.)

Porsche muss Wein exportieren

Nun gibt es aber Unternehmen, die ihre Waren hier verkaufen wollen, ohne hier zu produzieren. Die müssen für ihre Importe im gleichen Wert Waren exportieren. So wurde Porsche zum Weinhändler. Für jedes Auto, was sie ins Land bringen, exportieren sie Rotwein und Oliven aus Argentinien. BMW hat sich für Reis entschieden, Subaru für Hühnerfutter, Mitsubishi Erdnüsse usw. (Handelsblatt)

Bauern gehen Pleite, Fleisch ist teuer

Inländer, die exportieren, haben ähnliche Probleme, wenn auch teilweise aus anderen Gründen. Um die Großbauern zum Steuern zahlen zu zwingen (was ich durchaus nachvollziehen kann), wurde ihnen verboten, ihr teures, heiß begehrtes Rindfleisch zu exportieren – Strafe muss sein… Ja dummerweise führte das aber dazu, dass viele kleinere Rinderzüchter, die das Exportverbot auch betrifft, dadurch pleitegegangen sind. Was für jeden einzelnen Bauern schlimm ist, führt aber auch noch dazu, dass das Angebot gesunken ist – und die Preise dadurch gestiegen. Ich habe gehört, dass sich die Preise für ehemals günstiges Rindfleisch (und gut ist es zudem!) in den letzten Jahren verdoppelt haben. Sowieso ist das mit der Inflation hier so eine Sache – die Regierung will davon nichts wissen, Zahlen werden geschönt (vielleicht ändert sich das mit der neuen Regierung). Aber es waren wohl in den vergangen Jahren zwischen 25 – 30 Prozent – pro Jahr!! Das zeigt, dass die restriktive Außenhandelspolitik der Frau Kirchner nicht so richtig funktioniert.

Noch ein Wort zur Landwirtschaft: Inzwischen wird in Argentinien fast nur noch Soja angebaut, Monsanto – Soja. Das führt zu krasser Verödung der Böden und zu einem exorbitanten Anstieg von Krebserkrankungen in den umliegenden Dörfern… Ein Großteil dieses Sojas kippen wir uns in den Tank, als Bio-Sprit. Ein Glück, das wir jetzt mehr auf die Umwelt und Nachhaltigkeit achten.

Die Sache mit den Wechselkurs

Inflation, restriktive Außenhandelspolitik… das alles hat auch einen Einfluss auf den Wechselkurs. Und den gibt es hier zweimal: http://www.lanacion.com.ar/dolar-hoy-t1369 – einmal den Offiziellen, den man bei der Bank erhält. Der liegt derzeit bei nicht ganz 10 Pesos für einen Dollar. Am „Schwarzmarkt“ bekommt man für einen Dollar allerdings etwas über oder unter 15 Pesos! Der Wechselkurs ist also offensichtlich nicht der „echte“, sonst würde es keinen Zweiten geben. Im Übrigen ist der Schwarzmarkt nicht so richtig schwarz – man kann auf der Straße mehr oder weniger offen tauschen, die Polizei drückt beide Augen zu – gegen Bezahlung versteht sich – solange es keinen Ärger mit Falschgeld oder Ähnliches gibt. Für uns ist das mit dem Wechselkurs auch ganz praktisch, da wir mit unseren mitgebrachten Dollar zum inoffiziellen Wechselkurs alles 30 Prozent günstiger bekommen. Man erinnere sich an das Beispiel mit dem Toilettenpapier?!

Strom, Wasser, ÖNV kostet nix

Nun hat der Pablo – Normalverbraucher nicht die Möglichkeit Dollar günstig umzutauschen. Und das Lohnniveau scheint mir auch nicht unbedingt deutsche Standards zu haben. Ergo sind hier viele Leute ziemlich arm. Unabhängige Beobachter schätzen die Armutsquote hier bei 30 Prozent. Ob es daran liegt und um die Leute, die immer mehr für die einfachsten Dinge zahlen müssen, nicht noch mehr ausbluten zu lassen, ich weiß es nicht. Aber Fakt ist auch, dass hier Strom, Wasser, Gas und öffentlicher Nahverkehr lachhaft billig sind. Diese Dinge werden – vielleicht als Ausgleich – fast komplett subventioniert (vier Stationen mit dem Zug in die Innenstadt, von einem Randbezirk kosten 3 Pesos). Ob das allerdings eine Inflationsrate von 30 Prozent ausgleicht, darf bezweifelt werden, aber vielleicht hat es die Menschen bisher ruhig gehalten. Wobei nicht so ruhig. Inzwischen waren Wahlen und die bisherige Regierung (die Kirchner konnte nicht wiedergewählt werden) wurde abgewählt. Viele Menschen hier erhoffen sich neue Impulse und das es nun etwas besser wird. Man darf gespannt sein.

Vieles in dem Beitrag ist sehr kurz angerissen und etwas oberflächlich. Vor allem beschreibe ich ja die Dinge, die ich hier so mitbekomme. Wer mehr zu dem Thema wissen will, dem sind diese gut recherchierten und sehr interessanten Artikel ans Herz gelegt:

http://gunsandburgers.com/2015/09/wahl-in-argentinien-i-kirchners-parallelwelt/

http://www.nzz.ch/wirtschaft/wirtschaftspolitik/in-argentinien-regiert-schmalhans-1.18634195

http://www.capital.de/dasmagazin/das-land-in-dem-bmw-reis-exportieren-muss.html

http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-10/argentinien-wechselkurs-waehrung-cristina-kirchner

 

Update 18.12.2015:

Der neue Präsident (seit 10.12. offiziell im Amt) hat den Wechselkurs freigegeben. Seit dem 17.12. gibt es keinen ‚Dolar blue‘ – also inoffiziellen Wechselkurs mehr. Der offizielle liegt nun bei 13,75 Pesos pro Dollar (wir haben am 15.12. inoffiziell noch 13,5 bekommen). Für einen Euro bekommt man seit heute etwa 14 Pesos anstatt 10 bis gestern. Das macht jetzt alles ein wenig einfacher 🙂 Danke Senor Macri


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